Die Kleshas – Teil I (Avidya)

Im ersten, richtigen Teil der kleinen Klesha-Reihe geht es um das erste Klesha, Avidya.

(„A“ wird im Sanskrit übrigens als Verneinung bzw. für das Gegenteil vorangestellt.)

Wie ich schon im ersten Teil schrieb, bedeutet Avidya soviel wie Nicht-Verstehen oder auch Nicht-Wissen bzw. Verwechslung.

Mit Avidya fängt sozusagen alles an, Avidya ist die allererste Ursache, die es auszuräumen gilt. Es bringt nichts, wenn wir mit Raga oder Dvesha anfangen wollen, denn ohne Avidya im Griff zu haben, werden wir uns nur unnötig abstrampeln. Anders gesagt: Eins nach dem anderen!

Sriram bezeichnet Avidya auch als „Nährboden“ für alle anderen kleshas und ich kann da nur beipflichten. Wenn man avidya-mäßig vernebelt ist, dann können alle anderen Kleshas zuschlagen. Und wie ich ja auch schon im ersten Teil erkärt habe, sind die kleshas immer immer immer aktiv und können jederzeit loslegen.

Also nun aber Avidya. Avidya begleitet uns tagtäglich, Avidya begegnet uns in vielen Facetten. Immer dann, wenn wir Unwahres für Wahr halten, Vergängliches für ewig halten, Glück und Schmerz verwechseln, dann ist Avidya im Spiel.

Avidya hat eine weitere fiese Eigenschaft, nämlich eine, ich nenn’s mal zeitliche Komponente. D.h. Dinge, die wir lange Zeit für wahr gehalten haben, können sich irgendwann als falsch rausstellen. Während wir das aber für wahr hielten, war uns nicht bewusst, dass Avidya im Spiel sein könnte.

Vielleicht hast Du auch schon mal gedacht, dass ein bestimmter Yogastil o.ä. genau DEIN Ding wäre und du hättest dir nie vorstellen können, dass Du mal woandershin abwandern könntest oder dass genau diese Stilrichtung mal nicht mehr zu Dir passen könnte. Aber irgendwann war es dann doch so weit und die alten Lehren, die vorher so perfekt gepasst haben, fühlen sich plötzlich falsch an. Herzlich willkommen, das ist Avidya.

Da wir während Avidya wirkt, nie wissen, DASS Avidya aktiv ist, leuchtet es also ein, immer ein wenig zurückzutreten und unsere eigenen Überzeuguungen und Ansichten von Zeit zu Zeit zu hinterfragen. Und auch, wenn es sich nach dem hinterfragen noch immer stimmig anfühlt, dann sollten wir uns immer gewahr sein, dass das nicht von Dauer oder Bestand sein muss. (Die klesha, und insbesondere Avidya sind eng mit den guna verwoben, dazu später mal mehr) Darum tun wir gut daran, auch in unseren tiefsten und festesten Überzeugungen immer ein bisschen Gas rauszunehmen und unsere Ansichten nicht im Brustton der Überzeugung als das Nonplusultra rauszuhauen. Ein wenig mehr Zurückhaltung, ein wenig mehr Understatement und das Gewahrsein, dass wir immer dem verdrehten Blick von Avidya ausgesetzt sein können, tun uns gut.

Dann gibt es weitere Fehleinschätzungen, die man mit der zeit recht gut durchschauen kann. Z.B. dass man sein Glück nicht in den falschen Dingen sucht, z.B. nicht erwartet, dass ein Frustkauf einen wirklich glücklich macht. Oder aber, dass man Dinge nicht fälschlicherweise für ewig beständig hält. Die eigene Schönheit oder Jugend z.B., den eigenen Körper, die eigene Kraft usw. Da muss man einfach nur mal seiner Phantasie etwas freien Lauf lassen und dann werden einem ganz schnell ganz viele Ansichten auffallen, die wir einfach so als „Selbstverständlich“ vor uns herschieben, die aber erstens gar nicht so selbstverständlich sind und zweitens sich rasant, von einer Sekunde zur nächsten, schlagartig ändern können. Und dass das dann zu Leid führt, liegt irgendwie auf der Hand, oder?

Avidya fordert uns also auf, wachsamer zu sein und unterscheiden zu lernen. Was sind die Dinge, die vergänglich sind? Was sind die Dinge, die wirklich essentiell sind? Was füllt mich nachhaltig und wahrhaftig aus? Was ist nur eine Illusion? Welcher Gedanke oder welche Handlung zeugt von innerer Freiheit und was entspringt meiner Anhaftung? Das alles sind Fragen, die man sich immer wieder stellen kann, wenn man dem Wirken von Avidya auf die Spur kommen möchte.

Morgen geht es dann weiter mit Asmita, dem zweiten, fiesen Klesha.

Mit Licht & Liebe,

Carmen

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