Die Kleshas – Teil III (Raga + Dvesha)

Huuuuuui. Nach den beiden großen Wahrnehmungsfehlern, die uns immer wieder ins Leid hineinkatapultieren, fährt Patanjali mit Raga gleich den nächsten Gang auf. Raga: meistens übersetzt mit Gier, Habenwollen, Anhaften.

Der genaue Gegespieler dazu ist Dvesha, darum fasse ich diese beiden Klesha auch zusammen.

Okay, Raga, gierig sein, immer alles haben-wollen, das haben die meisten von uns schon als Kind gelernt, dass das nicht geht und sich nicht schickt.

Aber Patanjali ist leider gnadenlos und so geht es nicht nur darum, einfach nicht gierig zu sein, sondern Raga erstreckt sich leider in ziemlich vielen Teilen unseres Lebens und zwar in weit weniger extremen, als es das Wort „Gier“ erwarten ließe.

Wir alle kommen nicht umhin, dass wir in unserem Leben eher auf der Suche nach freudvollen, schönen Erfahrungen sind als nach schlechten. (Logisch irgendwo, denn wer sucht schon absichtlich das Unglück?) Was dann aber sehr häufig passiert, ist, dass wir die freudvollen Erfahrungen vermehren wollen und am liebsten nur diese. Das ist der erste Schritt von Raga, das ist „Habenwollen“. Da schwingt auch gleich ein klitzekleines bisschen anhaften mit, denn so wie es war, soll es bittschön wieder und immer wieder sein. Wenn wir in solch einer (Erwartungs-)Haltung durch’s Leben gehen, dann ist die Enttäuschung und damit das Leid vorprogrammiert. Und meistens trifft uns die Enttäuschung dann doppelt hart, wenn wir uns auf etwas erwartungsgemäß schönes gefreut hatten.

In dem Moment, wo wir also „Habenwollen“ grenzen wir ja ab. Wenn es Dinge, Erfahrungen, Situationen… gibt, die wir haben wollen, dann gibt es auch welche, die wir nicht haben wollen.

Das ist Dvesha. Dvesha ist alles, was wir nicht haben wollen, was wir ablehnen. Manche Patanjali-Kommentare gehen soweit, es sogar als unbegründete Abwehr oder Ablehnung zu umschreiben.

Wir unterteilen, egal wie stark oder wie extrem, aber die meiste Zeit unterteilen wir in Dualitäten bzw. Polaritäten. Haben wollen – nicht haben wollen. Gut – schlecht. Freund – Feind. Liebe – Hass.

 

Wenn wir uns dieser Dualitäten und unserer eigenen Bewertungen bewusst werden, dann werden wir schnell erkennen, dass das eine nicht ohne das andere sein kann und – noch viel besser – ohne das andere könnten wir das eine gar nicht erkennen. Wie sollte ich Freude empfinden können, wenn ich nicht auch den Zustand der Traurigkeit kennen würde? Missbrauche ich nicht die Traurigkeit um von ihr abzugrenzen und ihr das Gefühl von Freude entgegenzusetzen? Und so erkennen wir schnell: Alles ist eins. Das eine ist nie ohne das andere. Es bringt nichts die eine Seite der Polaritäten abzulehnen, nicht haben zu wollen, denn dann kann auch die andere Seite des Pols nicht haben. Es geht nicht, dass wir uns nur die Rosinen rauspicken. (Hast Du’s auch schon immer geahnt? Ich auch. Seufz.)

Was also tun wir, um damit umzugehen?

Den besten Rat hierzu finde ich immer wieder in der Bhagavad Gita. Sie lehrt uns, dass wir lernen müssen Ausgeglichenheit zu wahren in Freud, wie in Leid. Nicht vor Freude durchzudrehen, nicht übermütig werden, sondern demütig bleiben. Und im Leid ebenfalls nicht durchdrehen, sich nicht runterziehen lassen, sondern gelassen bleiben und darauf vertrauen, dass auch wieder andere Zeiten kommen.

So können wir Raga und Dvesha am besten entgegentreten.

Tun wir das nicht, sondern bleiben wir in dem Zustand der Trennung, des Teilens, des Bewertens und des Rosinenpickens, dann wird das zu Leid führen. Denn wir werden (auch hier wieder: Spiel der Gunas, Dharma und viele andere Einflüsse) nie nur das bekommen, was wir haben wollen, sondern werden immer auch mit dem Konfrontiert werden, was wir unter nicht-habenwollen einsortiert haben. und dann haben wir den Salat. Dann doch lieber eine Upeksha-mäßige Gelassenheit und eine Unerschütterlichkeit im Sinne der Gita.

Einfach mal drauf los praktizieren… 🙂

 

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