Das Prinzip von Abhyasa und Vairagya.

Heute geht es wieder mal um klassische Yoga-Philosophie und um die Übertragung bzw. Anwendung dieser in den Alltag und das Leben. Es geht um Abhyasa und Vairagya, zwei der Grundprinzipien, von denen zumindest jede/r Yogalehrer/in schon mal was gehört haben sollte.

Abhyasa und Vairagya im Yoga Sutra von Patanjali

Patanjali führt die beiden Begriffe Abhyasa und Vairagya recht frühzeitig zu Beginn des ersten Kapitels des Yoga Sutra (1.12) ein, was eine gewisse Bedeutsamkeit interpretieren lässt, denn generell führt Patanjali substantielle Themen immer recht frühzeitig ein um dann später darauf aufbauend darauf zurückzukommen. Das gründliche Verständnis von Abhyasa und Vairagya ist also in gewisser Weise ein wichtiges Fundament für das Verständnis von Yoga. 

Gleich nachdem er zuerst in Sutra 1.2 den Zustand des Yoga als „yogascittavrittinirodhah“ definiert und in den darauffolgenden Sutra Erläuterungen zu Citta, dem meinenden Selbst, gibt, folgt sehr schnell auch eine Auskunft darüber, wie ein Yogi das Citta bändigen kann – und überrascht zunächst vielleicht sogar etwas damit. Fast scheint es, als wolle Patanjali frühzeitig klarmachen, dass es kein Akt besonderer Willensstärke oder eine Fähigkeit des Beherrschens ist. Es wird klar und deutlich, dass, um den Zustand des Yoga zu erreichen, ein Entwicklungsweg vonnöten ist und dass es sich nicht um eine spontane Wandlung oder eine einfach zu erlernende Fähigkeit handelt.

Patanjali konfrontiert uns mit einem auf den ersten Blick ungleichen Begriffspaar:

Abhyasa, das beharrliche Üben auf der einen und
Vairagya, der Gleichmut auf der anderen Seite.

Beide (und nur beide!!!) gemeinsam sollen uns „zur Einheit der Gefühle und Gedanken führen“ (so nennt es Sriram in seinem Kommentar, 2003).

Wie also können wir gleichermaßen beharrlich wie auch gleichmütig üben?

Die Beharrlichkeit zum einen kann vielleicht eher als ein konsequentes, stetes Üben verstanden werden. Es scheint, als wolle Patanjali sagen, dass es ab einem gewissen Punkt, wenn man es mit dem Yoga ernst meint und sich als Schüler in die Hände eines Yogalehrers begibt, vorbei ist mit der Unverbindlichkeit. Dies kann man auch gut in die heutige Zeit übertragen. Natürlich gibt es vielerlei Angebote, z.B. in Yoga- oder Fitnessstudios, die wir kurzzeitig nach Lust und Laune besuchen (gar konsumieren?!) können. Dann üben wir zwar eine Form von Yoga, jedoch sind wir von einer Übungspraxis im Sinne von Abhyasa und Vairagya doch weit entfernt. Lässt man sich wirklich auf den Weg des Yoga ein, strebt man vielleicht sogar auch selbst die Lehrausbildung an, dann gibt es diese Unverbindlichkeit nicht mehr.

Yoga zu üben, in all seinen Facetten, ob nun auf zwischenmenschlicher, geistiger Verhaltensebene, ob in der Asana-Praxis oder der Meditation erfordert immer eine gewisse Konsequenz und Beharrlichkeit. Erst, wenn wir bereit sind, das immer gleiche Asana zu üben, jeden Morgen oder Abend Zeit und Raum für unsere Praxis zu schaffen und dranzubleiben, dann wird der Weg des Yoga erfahrbar. Gerade in unserer heutigen Zeit, die so sehr geprägt davon ist, dass wir einen immer schnelleren Wandel haben, dass immer schneller neue Dinge erfunden werden und die Menschen scheinbar immer schneller gelangweilt und frustriert sind und neue Abwechslung suchen, ist Patanjalis Appell an die Beharrlichkeit mitunter sogar aktueller und wichtiger denn je. Beharrlich heißt am Ball bleiben, auch wenn um uns herum die Ablenkung tobt, auch wenn es uns vielleicht langweilig oder zu mühselig wird.

Mit dem Aspekt der Gleichmütigkeit setzt Patanjali uns dann aber gleich wieder einen Gegenpol entgegen. Bam! Man könne nun meinen, wir üben beharrlich und konsequent, gehen den Weg des Yoga unbeirrt, gründen uns fest und ernsthaft in unserer Praxis und dann fordert Patanjali uns aber ebenfalls noch auf, diesen Weg mit Gleichmut zu bestreiten. Wie passt nun das zusammen?

Es scheint, als wolle Patanjali klarmachen (und hiermit auch den späteren Ausführungen zu Yama und Niyama vorgreifen), dass wir nicht in eine Erwartungs- oder Anspruchshaltung und erst recht in kein Beurteilen verfallen sollen. Und damit macht er auch deutlich, wie komplex der Weg des Yoga ist. Beharrlich üben, ohne die Früchte für sich zu beanspruchen. Konsequent im Sinne des Yoga handeln ohne etwas dafür zu erwarten. Yoga üben, ohne zu werten. Und trotzdem immer wieder dranbleiben und weitermachen, im Vertrauen darauf, dass alles zu seiner Zeit geschieht und wir bekommen werden, was immer wir bekommen sollen. Sei es eine Lernerfahrung oder eine Entwicklung. Für die Asana-Praxis heisst dies beispielsweise auch, jedes Mal von neuem zu üben und alles anzunehmen, was uns begegnen mag. Nicht davon auszugehen, dass sich das beharrliche Üben der letzten Tage, Wochen oder Monate jetzt endlich bezahlt machen wird und dieses oder jenes Asana besonders gut gelingen wird. Nein, es bedeutet zu üben, rein um des Übens willen, frei von Erwartungen, gleichmütig, alles willkommen heißend, was geschieht.

Diese beiden Polaritäten auszubalancieren ist es, was die Yoga-Praxis des gesamten achtfachen Pfades kennzeichnet. Dies ist der zutiefst praktische Weg das Citta, unser meinendes, denkendes, beurteilendes Selbst, zur Ruhe zu bringen. So simpel und doch so kompliziert.

Was bedeutet das nun für den Alltag und die eigene Übungspraxis?

1. Bleib dran. Bleib kontinuierlich. Bleib verbindlich.

Wenn Du zu denen gehörst, die sich schnell langweilen, die immer etwas neues machen müssen, dann verpflichte dich vielleicht einfach mal zu einer längerfristigen Praxis, 40 Tage sind z.B. ein guter Zeitraum eine Übung auskömmlich zu erfahren, zu studieren und zu üben. Vielleicht magst Du Dir ein Pranayama oder eine Meditation oder auch ein Asana (vielleicht sogar eins, dass Du gar nicht so gern magst) nehmen und dich committen, das 40 Tage lang durchzuziehen.

2. Werde dabei aber nicht verbissen. Bleib weich. 

Wenn ich „dranbleiben“ denke, sehe ich oft ganz unfreiwillig jemanden vor mir, der die Zähne zusammenbeisst und durchhält. So soll es natürlich nicht sein. Darum der Hinweis: Bleib weich. Komm weg vom „ich muss“, hin zum „ich mag“.

3. Wirf deine Erwartungen über Bord. Gib alles, aber erwarte nichts. 

Das ist etwas, was unserer (westlichen?) Mentalität oftmals total entgegensteht, finde ich. Tatsächlich hat es aber sehr viel mit Freiheit zu tun, meiner Meinung, wenn wir uns von unseren Erwartungen lösen. Unsere Erwartungen binden uns, machen uns unfrei. Erwartungen setzen eine gewisse Kausalität voraus, also wenn… dann… -> Wenn ich jeden Tag dies und das übe, dann bringt mir das jenes. Diese Erwartungshaltung macht unfrei. Erstens schränkt sie den Blick ein. Wir fokussieren auf die Erwartung und ebnen damit Enttäuschungen und Frustration damit den Weg. Denn wenn unsere Erwartungen (mal) nicht erfüllt werden, dann kann uns das mitunter ganz schon aus der Bahn werfen und verspulen. Allzuoft lässt uns das dann auch nicht mit einem guten Gefühl zurück. Wenn wir uns von den Erwartungen lösen, dann wird unser Blick freier, dann sehen wir ein viel weiteres Feld und nehmen vielleicht auch ganz andere Dinge und Effekte wahr, die wir sonst – weil wir eben nur auf unsere Erwartungen fixiert waren – gar nicht bemerkt hätten. Es hilft uns auch, anders mit „Abweichungen“ umzugehen, denn wo kein Planziel, da kein Misserfolg.

Dies alles unter einen Hut zu bringen, das ist eine der höchsten Künste des Yoga.

Und dies betrifft im Übrigen nicht nur die Asanapraxis auf der Matte, sondern diese Prinzipien von Abhyasa und Vairagya lassen sich ganz hervorragend auch im Alltag, z.B. anhand der Yama und Niyama üben.

Wie Du vielleicht mitbekommen hast, ist mein großes Thema 2017 Zufriedenheit, also Santosha und auch hier möchte ich jeden Tag die Prinzipien von Abhyasa und Vairagya anwenden. Das gleiche kannst Du aber auch mit Satya, der Wahrhaftigkeit, oder Svadhyaya, dem Selbstsudium oder jedem weiteren Aspekt, der auch immer dir einfällt tun. Was immer du angehen möchtest, vielleicht überprüfst Du Dich von zeit zu Zeit einfach auf die Grundprinzipien von Abhyasa und Vairagya.

 

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